Die Odyssee für Kinder: Alle Abenteuer im Überblick
Die Odyssee ist eine der ältesten Geschichten Europas und gleichzeitig eine der einfachsten: Ein Mann will nach Hause. Es dauert zehn Jahre.
Was sie für Kinder so brauchbar macht, ist ihr Aufbau. Sie ist keine durchgehende Handlung, sondern eine Kette von Stationen, und jede einzelne funktioniert als eigene Geschichte. Man kann also mit einer anfangen, ohne die anderen zu kennen — und trotzdem entsteht mit der Zeit ein Ganzes.
Dieser Überblick geht die wichtigsten Stationen durch und sagt, welche wir vertont haben und welche noch fehlen.
Die Vorgeschichte: der Krieg um Troja
Bevor die Heimreise beginnt, liegt ein zehnjähriger Krieg hinter Odysseus. Die Griechen belagern Troja und kommen nicht hinein — bis Odysseus die Idee mit dem hölzernen Pferd hat.
Die Geschichte des Trojanischen Pferdes ist der beste Einstieg in den ganzen Stoff, weil sie in sich abgeschlossen ist und weil man dort zum ersten Mal sieht, wie Odysseus arbeitet: Er gewinnt nicht durch Stärke, sondern durch einen Einfall, den keiner kommen sieht.
Wer wissen will, wie der Krieg überhaupt anfing, findet die Vorgeschichte in Die Geschichte von Achilles, dem größten Kämpfer der Griechen — und dem mit der berühmtesten Schwachstelle der Weltliteratur.
Station 1: Die Lotos-Esser
Die erste Insel nach dem Krieg. Die Bewohner leben von einer Frucht, die alles vergessen lässt — wer davon isst, will nicht mehr nach Hause. Odysseus muss seine eigenen Männer zurück aufs Schiff zerren.
Eine kurze Episode, aber inhaltlich eine der modernsten: Es ist die Geschichte von etwas, das sich gut anfühlt und einen davon abhält, das zu tun, was man eigentlich will.
Station 2: Der Zyklop Polyphem
Die berühmteste Station und die, mit der die meisten anfangen. Odysseus und seine Männer sitzen in der Höhle eines menschenfressenden Riesen fest, und der Ausweg ist ein Wortspiel: Odysseus sagt, er heiße „Niemand".
Die Geschichte von Odysseus und dem Zyklopen ist auch der Wendepunkt der ganzen Odyssee — hier erst wird die Heimreise zur Strafe, weil Polyphem ein Sohn Poseidons ist und seinen Vater um Rache bittet.
Station 3: Der Beutel der Winde
Der Windgott Aiolos schenkt Odysseus alle ungünstigen Winde, in einen Beutel gesperrt. Mit nur noch dem günstigen Wind im Rücken erreicht die Flotte tatsächlich die Küste von Ithaka — man sieht schon die Feuer.
Und dann öffnen die Männer, die glauben, im Beutel sei Gold, das Ding im Schlaf ihres Kapitäns. Alle Stürme auf einmal, und es geht zurück auf Anfang.
Odysseus und der Beutel der Winde ist die bitterste Station und für Kinder erstaunlich eindrücklich: Nicht ein Monster verhindert das Ziel, sondern Misstrauen unter Freunden.
Die weiteren Stationen
Diese haben wir noch nicht vertont, aber sie gehören zum Bild:
- Die Laistrygonen — Menschenfresser, die fast die gesamte Flotte vernichten.
- Kirke — die Zauberin, die Odysseus' Männer in Schweine verwandelt.
- Die Unterwelt — wo Odysseus mit den Toten spricht, um den Weg nach Hause zu erfahren.
- Die Sirenen — der Gesang, der Schiffe auf die Felsen lockt. Odysseus lässt sich an den Mast binden, um ihn zu hören und trotzdem zu überleben.
- Skylla und Charybdis — eine Meerenge mit einem Ungeheuer auf jeder Seite. Die Wendung „zwischen Skylla und Charybdis" kommt von hier.
- Kalypso — die Nymphe, bei der er sieben Jahre bleibt.
Das Ende: Ithaka
Odysseus kommt nach zwanzig Jahren allein zu Hause an — zehn Jahre Krieg, zehn Jahre Heimreise, kein einziger Gefährte mehr übrig. Seine Frau Penelope hat all die Jahre auf ihn gewartet, sein Sohn Telemachos war ein Säugling, als er ging, und ist jetzt erwachsen.
Für Kinder ist der Schluss oft überraschend ruhig: Die größte Geschichte über Abenteuer endet damit, dass jemand endlich zu Hause ankommt.
In welcher Reihenfolge man anfängt
Nicht chronologisch. Die Reihenfolge, die am besten funktioniert:
- Das Trojanische Pferd — abgeschlossen, spannend, erklärt die Figur
- Odysseus und der Zyklop — die stärkste Einzelgeschichte
- Der Beutel der Winde — kürzer, emotional am dichtesten
Danach ist der Boden bereitet für die restliche Mythologie-Sammlung — Medusa und Perseus, Theseus und der Minotaurus und die anderen Heldensagen funktionieren nach demselben Muster.
Wie alt sollten Kinder sein?
Unsere Fassungen sind für 6 bis 8 Jahre. Ab etwa sechs verstehen Kinder die Tricks — und die Odyssee ist im Kern eine Sammlung von Tricks. Vorher folgen sie der Handlung, aber die Pointen gehen verloren.
Nach oben hin hält der Stoff sehr lange. Zehn- und Elfjährige hören dieselben Geschichten mit ganz anderem Gewinn, weil ihnen auffällt, was Odysseus falsch macht — und das ist einiges.
Warum sich der Aufwand lohnt
Es gibt ein praktisches Argument, jenseits der Bildung: Diese Geschichten kommen im Schulunterricht wieder, meist ab der fünften oder sechsten Klasse, und dann als Text zum Analysieren.
Ein Kind, das mit acht die Handlung schon kennt und den „Niemand"-Trick lustig fand, geht anders in diese Stunde als eines, dem Homer als Pflichtlektüre begegnet. Der Unterschied ist derselbe wie zwischen einem Ort, an dem man schon war, und einem auf der Landkarte.
Wie lange die Odyssee wirklich dauert
Ein Punkt, der beim Erzählen fast immer untergeht und der Kindern hilft, die Dimension zu begreifen: Odysseus ist insgesamt zwanzig Jahre von zu Hause weg. Zehn Jahre Krieg, zehn Jahre Rückweg.
Sein Sohn Telemachos war ein Säugling, als er ging. Als der Vater zurückkommt, ist Telemachos ein erwachsener Mann, der ihn nie gesehen hat. Penelope hat zwanzig Jahre lang nicht gewusst, ob ihr Mann lebt.
Wenn man Kindern diese Zahl gibt, verändert sich die ganze Geschichte. Aus einer Abenteuerreihe wird etwas, das wehtut. Ein Achtjähriger rechnet sofort nach, wie alt er selbst in zwanzig Jahren wäre — und begreift, warum die Heimkehr das eigentliche Thema ist, nicht die Monster.
Und es erklärt die Bitterkeit von Der Beutel der Winde: Dort sind sie schon so nah, dass sie die Feuer von Ithaka sehen. Nach neun Jahren. Und dann öffnet jemand den Sack.
Ein Kapitel, das man nicht erwartet
Das größte Missverständnis über die Odyssee ist, dass sie mit der Ankunft endet. Tatsächlich spielt fast die Hälfte des Epos auf Ithaka — nachdem er angekommen ist.
Odysseus kommt als Bettler verkleidet nach Hause, weil sein Palast voller Männer ist, die seine Frau heiraten wollen und sein Vermögen aufessen. Er wird von niemandem erkannt außer von seinem alten Hund, der ihn wittert, mit dem Schwanz wedelt und stirbt.
Diese Szene ist unter Erwachsenen die berühmteste des ganzen Epos, und sie funktioniert auch bei Kindern — allerdings erst ab etwa neun, und man sollte sie ankündigen.
Die Stationen als Tabelle
| Station | Das Problem | Vertont? |
|---|---|---|
| Troja | Eine Mauer, die zehn Jahre hält | Ja |
| Lotos-Esser | Etwas, das zu gut schmeckt | Nein |
| Polyphem | Eine Höhle, die sich nicht öffnen lässt | Ja |
| Aiolos | Ein Beutel, den niemand öffnen darf | Ja |
| Laistrygonen | Riesen, gegen die es keinen Trick gibt | Nein |
| Kirke | Eine Zauberin, die Menschen verwandelt | Nein |
| Unterwelt | Der Weg nach Hause ist nur bei den Toten zu erfahren | Nein |
| Sirenen | Ein Gesang, den man nicht hören darf und will | Nein |
| Skylla und Charybdis | Zwei Gefahren, man muss eine wählen | Nein |
| Helios' Rinder | Hunger gegen ein Verbot | Nein |
| Kalypso | Ein Ort, an dem es zu schön ist | Nein |
| Ithaka | Zu Hause ankommen und nicht erkannt werden | Nein |
Die Spalte in der Mitte ist der eigentliche Wert der Tabelle: Jede Station ist eine andere Art von Problem, und keine wiederholt sich. Deshalb ermüdet die Odyssee nicht, obwohl sie zwölf Mal dasselbe Muster durchläuft.
Die drei vertonten Stationen im Vergleich
Das Trojanische Pferd ist die zugänglichste: klarer Plan, klare Ausführung, klarer Erfolg. Wer noch nie eine griechische Sage gehört hat, fängt hier an.
Odysseus und der Zyklop ist die stärkste: höchste Spannung, beste Pointe, und ein Fehler am Ende, über den man reden kann.
Der Beutel der Winde ist die traurigste und die kürzeste. Sie funktioniert am besten, wenn man die anderen beiden schon kennt, weil ihre Wirkung davon lebt, dass man Odysseus inzwischen mag.
Warum die Odyssee für Kinder besser funktioniert als die Ilias
Beide Epen stammen aus derselben Tradition, aber für Kinder sind sie sehr ungleich brauchbar.
Die Ilias erzählt vom Krieg um Troja und besteht zum großen Teil aus Kämpfen, Ehrstreitigkeiten unter Anführern und langen Aufzählungen. Der Hauptkonflikt ist ein Streit zwischen Achilles und Agamemnon über Rang und Beute — schwer zugänglich, wenn man neun ist.
Die Odyssee dagegen ist eine Reise mit Monstern. Jede Station ist ein abgeschlossenes Abenteuer mit einem Problem und einer Lösung, und der Antrieb der Hauptfigur ist etwas, das jedes Kind sofort versteht: Er will nach Hause.
Deshalb fängt man mit der Odyssee an. Die Ilias kommt später — meist über Achilles, der als Einzelfigur funktioniert, auch wenn das Epos als Ganzes noch zu weit ist.
Der rote Faden, den man Kindern mitgeben kann
Die Odyssee wirkt beim ersten Hören wie eine lose Folge von Abenteuern. Es gibt aber ein Muster, und wenn Kinder es einmal bemerkt haben, hören sie anders zu.
Fast jede Station geht schief, weil ein Mensch etwas Menschliches tut. Die Männer essen den Lotos, weil er gut schmeckt. Sie öffnen den Beutel, weil sie Gold vermuten. Odysseus ruft seinen Namen, weil er Anerkennung will. Sie schlachten die Rinder des Sonnengottes, weil sie Hunger haben.
Nicht die Monster sind das Problem. Die Monster werden fast immer besiegt. Was die Heimreise zehn Jahre dauern lässt, sind Neugier, Misstrauen, Stolz und Hunger — vier Dinge, die kein Kind erklärt bekommen muss.
Eine Frage, die den Unterschied macht
Nach jeder Station lohnt sich dieselbe Frage:
„Wer hat diesmal den Fehler gemacht — und warum?"
Nach drei oder vier Geschichten fangen Kinder an, die Antwort vorherzusehen, und dann ist aus einer Abenteuerreihe ein Muster geworden. Das ist der Moment, in dem Mythologie aufhört, Unterhaltung zu sein, und anfängt, etwas beizubringen.
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