Ikarus für Kinder: Die Geschichte und was sie bedeutet

Ikarus für Kinder: Die Geschichte und was sie bedeutet

Die Ikarus-Sage ist eine der kürzesten der griechischen Mythologie und eine der wenigen, die fast jeder Erwachsene kennt — meist als Redewendung: zu nah an die Sonne fliegen.

Für Kinder ist sie aus einem anderen Grund wertvoll. Sie ist die einzige der bekannten Sagen, in der ein Kind die Hauptrolle spielt, einen Fehler macht und nicht gerettet wird.

Das ist hart, und deshalb lohnt es sich, vorher zu wissen, wie man damit umgeht. Die vertonte Fassung gibt es als Ikarus: Der Junge, der die Sonne berührte.

Was passiert

Daidalos, ein genialer Erfinder, sitzt mit seinem Sohn Ikarus auf Kreta fest. Über Land und Meer kommen sie nicht weg — alle Wege werden bewacht.

Also baut Daidalos, was noch niemand gebaut hat: Flügel aus Vogelfedern, zusammengehalten von Wachs. Vor dem Start warnt er seinen Sohn zweimal. Nicht zu tief fliegen, sonst macht die Feuchtigkeit des Meeres die Federn schwer. Und nicht zu hoch, sonst schmilzt das Wachs in der Sonne.

Sie starten. Es funktioniert. Und Ikarus, dem das Fliegen so gut gefällt, wie es einem Jungen eben gefallen muss, steigt höher. Und höher. Das Wachs schmilzt, die Federn lösen sich, und er stürzt ins Meer.

Warum die Geschichte so gut funktioniert

Weil jedes Kind Ikarus versteht.

Er ist nicht böse, nicht dumm und nicht ungehorsam im üblichen Sinn. Er hat einfach etwas gefunden, das großartig ist, und will mehr davon. Die Warnung des Vaters hat er nicht vergessen — sie kommt ihm nur in dem Moment nicht so wichtig vor.

Genau das ist eine Erfahrung, die Kinder täglich machen und für die sie sonst kein Wort haben. Die Sage gibt ihnen eins.

Der Teil, den man leicht übersieht: der Vater

Beim Nacherzählen liegt der Fokus fast immer auf Ikarus. Dabei ist Daidalos die zweite Hälfte der Geschichte.

Er hat die Flügel gebaut. Er hat gewarnt — zweimal, deutlich. Und er konnte nichts tun, als er sah, was passierte, weil er selbst in der Luft war.

Für Eltern ist das die eigentlich schmerzhafte Perspektive: Man kann alles richtig erklären und trotzdem zusehen müssen. Mit älteren Kindern lässt sich das ansprechen, und es verändert die Geschichte deutlich.

Wie man das Ende mit Kindern bespricht

Nicht wegdrehen und nicht dramatisieren. Zwei Dinge helfen.

Nicht in „selber schuld" auflösen. Die Versuchung ist groß — er wurde gewarnt, er hat nicht gehört, fertig. Aber das macht aus einer Tragödie eine Strafgeschichte und nimmt ihr das, was sie kann. Ikarus hat nichts Böses getan. Er hat sich mitreißen lassen.

Die eine gute Frage stellen:

„Warum ist er höher geflogen, obwohl er wusste, dass er es nicht darf?"

Kinder antworten darauf erstaunlich ehrlich, weil sie die Antwort kennen. Und in dem Moment ist die Sage keine Ermahnung mehr, sondern etwas, das ihnen recht gibt und trotzdem zeigt, wohin es führt.

Ab welchem Alter

Unsere Fassung ist für 6 bis 8 Jahre, mit 15 Szenen und vollständiger Vertonung. Der Sturz wird nicht ausgemalt.

Unter sechs würde ich sie nicht erzählen — nicht wegen der Darstellung, sondern weil das Ende ohne Trost bleibt und jüngere Kinder darauf keine Einordnung haben.

Ab acht oder neun wird sie stärker, nicht schwächer. Dann fällt der Vater ins Auge, und die Geschichte bekommt eine zweite Ebene.

Wenn das Ende zu viel war

Kann passieren, und es ist kein Grund, Mythologie aufzugeben. Die Sammlung hat mehrere Sagen mit derselben Kraft und einem freundlicheren Ausgang:

Besonders Midas ist als Gegenstück gut: Auch dort will jemand zu viel, aber die Geschichte lässt ihn zurück.

Wo Ikarus später wieder auftaucht

Überall in der Sprache. „Ikarus-Flug" für einen kühnen Aufstieg mit Absturz, „zu nah an die Sonne" für jedes Überziehen. In der Kunst ist die Szene hundertfach gemalt worden — am berühmtesten in einem Bild, auf dem der Sturz fast nicht zu sehen ist, während im Vordergrund ein Bauer weiterpflügt.

Ein Kind, das die Sage kennt, versteht diese Anspielungen später nicht als Bildungswissen, sondern als Wiedersehen.

Der Satz, den man sich merken kann

Wenn man die Geschichte in einem Satz zusammenfassen müsste, wäre es nicht „hör auf deine Eltern", sondern etwas Genaueres:

Ikarus stürzt nicht ab, weil er ungehorsam war, sondern weil das Fliegen zu schön war, um daran zu denken.

Diese Formulierung hilft Kindern mehr, weil sie ihre eigene Erfahrung beschreibt. Jeder kennt den Zustand, in dem etwas so gut ist, dass alle Vorsätze verschwinden — beim Spielen, beim Rennen, beim Klettern.

Die Sage benennt diesen Zustand und zeigt, wohin er führen kann, ohne ihn schlechtzumachen. Das ist etwas anderes als eine Ermahnung, und es wirkt anders.

Wenn das Kind mehr will

Ikarus ist kurz, und viele Kinder wollen danach sofort mehr. Drei Anschlüsse, die gut funktionieren:

Theseus und der Minotaurus spielt im selben Labyrinth, das Daidalos gebaut hat — dieselbe Welt, andere Geschichte, gutes Ende.

Pegasus und Bellerophon ist die zweite große Flug-Sage und endet ähnlich: auch dort will jemand zu hoch hinaus. Wer beide kennt, erkennt das Muster.

Der Phönix als Gegengewicht: ein Vogel, der verbrennt und neu entsteht. Nach dem Sturz des Ikarus ist das die beruhigendste Geschichte der ganzen Sammlung.

Wie Kinder wirklich auf das Ende reagieren

Die Sorge vor dem Ende ist meist größer bei den Eltern als bei den Kindern, und das ist eine Beobachtung, die viele überrascht.

Kinder unter acht nehmen den Sturz oft erstaunlich sachlich auf. Sie fragen nach — „Ist er tot?" — bekommen eine ehrliche Antwort und gehen weiter. Was sie beschäftigt, ist selten der Tod selbst, sondern die Frage, ob der Vater es gesehen hat.

Was tatsächlich schwierig wird, ist ein Ausweichen. Wenn Erwachsene das Ende weichspülen — „er ist ins Wasser gefallen und weggeschwommen" —, merken Kinder, dass hier etwas verborgen wird, und genau das macht Angst. Die klare Antwort ist die freundlichere.

Wann man sie erzählt, und wann nicht

Zwei Situationen, in denen die Ikarus-Geschichte gut passt: wenn ein Kind gerade etwas Neues gelernt hat und übermütig wird, und wenn es dabei ist, Warnungen von Erwachsenen grundsätzlich als übertrieben abzutun. In beiden Fällen trifft sie genau.

Zwei Situationen, in denen man sie besser lässt: kurz nach einem Todesfall in der Familie, aus naheliegenden Gründen. Und als Reaktion auf konkretes Fehlverhalten — dann wird sie zur Strafpredigt, und die Geschichte ist dafür zu gut.

Wenn das Ende zu viel war, hilft eine ruhige Geschichte hinterher. König Midas ist die passende: auch dort will jemand zu viel, aber er darf es zurücknehmen.

Drei Fassungen, drei Wirkungen

Die Ikarus-Sage wird sehr unterschiedlich erzählt, und es lohnt sich zu wissen, welche Fassung man gerade hat.

Als Warnung. Der Vater warnt, der Sohn hört nicht, der Sohn stirbt. Diese Fassung ist die verbreitetste und die schwächste, weil sie die Geschichte auf Gehorsam reduziert.

Als Tragödie. Ein Junge erlebt zum ersten Mal etwas Überwältigendes und kann sich nicht bremsen. Niemand ist schuld. So erzählen wir sie, und so bleibt sie hängen.

Als Erfindergeschichte. Daidalos baut etwas, was es nie gab, und zahlt den höchsten denkbaren Preis dafür. Diese Ebene erschließt sich Kindern ab neun oder zehn.

Was danach kommt

Im Mythos endet die Geschichte nicht mit dem Sturz. Daidalos fliegt weiter, landet auf Sizilien und begräbt seinen Sohn. Manche Fassungen erzählen, er habe die Flügel danach in einem Tempel aufgehängt und nie wieder eine gebaut.

Dieses Nachspiel wird fast immer weggelassen, und es fehlt. Für Kinder, die das Ende hart finden, ist es wichtig zu hören, dass der Vater ankommt — dass die Geschichte nicht mit dem Sturz aufhört, sondern mit jemandem, der weiterlebt.

Wenn Sie die Geschichte selbst erzählen, lohnt es sich, diesen Satz anzuhängen.

Ikarus und sein Vater: eine Erfindergeschichte

Es lohnt sich, Daidalos nicht nur als warnenden Vater zu erzählen, sondern als das, was er ist: der bekannteste Erfinder der griechischen Mythologie.

Er hat das Labyrinth auf Kreta gebaut — dasselbe, in dem später Theseus den Minotaurus stellt. Er hat sich anschließend selbst darin einsperren lassen müssen, weil der König nicht wollte, dass jemand anders das Geheimnis kennt. Und die Flügel sind seine Lösung für ein Problem, das nach den Regeln der Zeit keine Lösung hatte.

Damit bekommt die Geschichte eine zweite Ebene, die Kindern gefällt: Sie handelt nicht nur von einem Jungen, der nicht hört, sondern von einem Menschen, der etwas baut, was es noch nie gab — und den Preis dafür zahlt.

Warum gerade diese Sage überall zitiert wird

Ikarus taucht in Sprache, Kunst und Werbung häufiger auf als fast jeder andere Mythos, und der Grund ist ihre Kürze.

Man braucht drei Sätze: Flügel aus Wachs, eine Warnung, die Sonne. Jeder kennt das Ende. Deshalb funktioniert sie als Anspielung, wo längere Sagen erklärt werden müssten.

Für Kinder heißt das: Diese eine Geschichte zahlt sich mehr aus als die meisten anderen, weil sie ihnen später ständig wiederbegegnet — im Deutschunterricht, in Liedtexten, in Filmen. Wer sie mit sieben gehört hat, versteht mit vierzehn die Anspielung sofort.

Die Frage, die man nicht stellen sollte

„Und was lernen wir daraus?"

Bei Ikarus ist diese Frage besonders schädlich, weil die naheliegende Antwort — hör auf deine Eltern — die Geschichte kleiner macht, als sie ist. Es geht nicht um Gehorsam. Es geht darum, dass etwas Wunderbares gefährlich sein kann, und dass die Begeisterung selbst der Grund für den Fehler ist.

Das lässt sich nicht in einen Merksatz pressen, und man muss es auch nicht. Die Geschichte hält sich von allein.

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Zur Geschichte: Ikarus: Der Junge, der die Sonne berührte.