Odysseus und der Zyklop: Der Trick mit „Niemand", erklärt für Kinder

Odysseus und der Zyklop: Der Trick mit „Niemand", erklärt für Kinder

Es ist wahrscheinlich der berühmteste Trick der gesamten griechischen Mythologie, und Kinder verstehen ihn sofort: Ein Mann sitzt in der Höhle eines menschenfressenden Riesen fest, hat keine Waffe, die etwas ausrichtet, und keine Möglichkeit zu fliehen. Was er hat, ist ein Einfall.

Er sagt dem Riesen, er heiße „Niemand".

Diese Seite erklärt, wie die Geschichte funktioniert, warum der Trick aufgeht, welchen Fehler Odysseus danach begeht — und wie man das Ganze einem Kind erzählt. Die vollständige Fassung zum Anhören gibt es als Die Geschichte von Odysseus und dem Zyklopen.

Worum es geht, in drei Sätzen

Auf dem langen Weg zurück nach Ithaka landet Odysseus mit seinen Männern auf einer Insel und findet eine große Höhle voller Käse und Schafe. Der Bewohner ist Polyphem, ein Zyklop — ein Riese mit einem einzigen Auge in der Stirn —, und statt Gäste zu bewirten, rollt er einen Felsen vor den Eingang und beginnt, die Männer zu fressen.

Odysseus kann den Riesen nicht im Schlaf töten: Nur Polyphem selbst kann den Felsen wegrollen. Also braucht er einen Plan, bei dem der Zyklop am Leben bleibt und trotzdem hilflos wird.

Warum ausgerechnet „Niemand"?

Der Trick besteht aus zwei Teilen, und der erste ist der Name.

Als Polyphem fragt, wie er heiße, antwortet Odysseus: „Niemand." Der Riese merkt nichts — warum sollte er auch. Im griechischen Original ist das Wortspiel noch etwas eleganter, weil dort Outis steht, was genau dasselbe bedeutet.

Der zweite Teil ist der brutale: Odysseus schärft einen Ölbaumstamm, härtet ihn im Feuer und blendet damit das einzige Auge des schlafenden Riesen. Polyphem brüllt vor Schmerz, und die anderen Zyklopen der Insel kommen an die Höhle und rufen von draußen: Wer tut dir etwas an?

Und Polyphem antwortet, völlig wahrheitsgemäß: „Niemand tut mir etwas an."

Also gehen sie wieder. Wenn niemand ihm etwas tut, gibt es nichts zu helfen.

Das ist der Punkt, an dem Kinder immer lachen — und der Grund, warum die Geschichte seit fast dreitausend Jahren überlebt. Der Trick funktioniert nicht durch Kraft und nicht durch Zauberei, sondern durch eine Lücke in der Sprache selbst.

Und wie kommen sie aus der Höhle?

Der geblendete Polyphem rollt am Morgen den Felsen weg, um seine Schafe auf die Weide zu lassen — aber er setzt sich in den Eingang und betastet jeden Rücken, der hinausgeht, um sicherzugehen, dass sich keiner der Männer darunter mischt.

Odysseus lässt seine Leute sich unter den Bäuchen der Schafe festbinden. Polyphem streicht über die Rücken, spürt nur Wolle und lässt jedes Tier passieren.

Es ist eine kleine, präzise Idee, und sie erklärt Kindern besser als jede Erklärung, was „schlau sein" eigentlich heißt: nicht mehr wissen, sondern die eine Annahme finden, die der andere nicht überprüft.

Der Fehler, der alles kostet

Hier wird die Geschichte richtig interessant, und dieser Teil wird beim Nacherzählen fast immer weggelassen.

Odysseus ist entkommen. Die Schiffe sind auf dem Wasser, der Riese ist blind, alles ist gut gegangen. Und dann kann er es nicht lassen. Er ruft vom Schiff aus zurück und nennt dem Zyklopen seinen echten Namen — weil er will, dass Polyphem weiß, wer ihn besiegt hat.

Das ist der teuerste Satz seines Lebens. Polyphem ist ein Sohn des Meeresgottes Poseidon, und jetzt, da er den Namen kennt, kann er seinen Vater um Rache bitten. Von diesem Moment an ist es Poseidon persönlich, der Odysseus zehn Jahre lang nicht nach Hause lässt.

Die Klugheit rettet ihn, der Stolz bestraft ihn. Beides in derselben Szene.

Wie man das mit Kindern bespricht

Eine Frage genügt, und sie funktioniert ab etwa sechs Jahren:

„Er war schon in Sicherheit. Warum hat er trotzdem seinen Namen gerufen?"

Kinder verstehen den Impuls sofort — sie kennen ihn. Man hat etwas geschafft und will, dass es jemand mitbekommt. Dass genau dieser Impuls hier zehn Jahre Unglück auslöst, ist eine Lektion, die kein Erwachsener besser erklären kann als die Geschichte selbst.

Für jüngere Kinder reicht der erste Teil völlig: der Name, das Auge, die Schafe. Der Stolz-Teil kommt beim zweiten oder dritten Hören von allein.

Ab welchem Alter?

Unsere Fassung ist für 6 bis 8 Jahre gedacht und läuft über 16 Szenen mit vollständiger Vertonung. Das Menschenfressen ist entschärft, die Blendung wird angedeutet statt ausgemalt — aber die Spannung und der Trick bleiben vollständig erhalten, weil ohne sie nichts übrig wäre.

Unter sechs ist die Geschichte meist zu viel, nicht wegen der Gewalt, sondern weil der „Niemand"-Witz ein Sprachverständnis braucht, das erst um dieses Alter da ist. Ein Vierjähriger folgt der Handlung, aber die Pointe geht verloren.

Wenn die Geschichte gefallen hat

Die naheliegende Fortsetzung ist Odysseus und der Beutel der Winde — dort bekommt Odysseus alle widrigen Winde in einem Sack geschenkt, ist fast zu Hause, und dann öffnen seine Männer den Sack. Wieder ein Beinahe-Erfolg, wieder durch menschliche Schwäche verspielt.

Wer danach mehr will: Das Trojanische Pferd spielt vor der Odyssee und stammt von demselben Odysseus — auch dort gewinnt er durch eine Idee statt durch Kampf. Und Medusa und Perseus ist der andere große „mit dem Kopf statt mit der Faust"-Mythos, mit dem Spiegelschild als Werkzeug.

Alle Geschichten stehen in der Sammlung der Mythologie-Geschichten, jede mit vollständiger Vertonung.

Häufige Fragen

Wer hat die Geschichte geschrieben? Sie steht im neunten Gesang der Odyssee, die Homer zugeschrieben wird — einem Dichter, der vermutlich im 8. Jahrhundert v. Chr. lebte. Erzählt wurde sie mündlich schon lange davor.

War Polyphem böse? Aus seiner Sicht sind Fremde in seine Höhle eingedrungen und haben sein Essen genommen. Die Geschichte urteilt weniger eindeutig, als man denkt — ein guter Gesprächsanlass für ältere Kinder.

Wie viele Zyklopen gibt es? Mehrere. Polyphem ist der bekannteste, aber in der Mythologie ist eine ganze Sippe von einäugigen Riesen gemeint, die auf ihrer Insel Schafe hüten.

Ist das dasselbe wie die Ilias? Nein. Die Ilias erzählt vom Krieg um Troja, die Odyssee von der Heimreise danach.

Die Szene Schritt für Schritt

Wer die Geschichte selbst erzählen will, statt sie abzuspielen, kommt mit sieben Schritten aus. In dieser Reihenfolge funktioniert sie am besten:

  1. Die Höhle. Odysseus und zwölf Männer gehen hinein, weil sie neugierig sind und weil dort Käse und Milch stehen. Niemand zwingt sie — das ist wichtig für später.
  2. Der Felsen. Polyphem kommt heim, treibt seine Schafe hinein und rollt einen Stein vor den Eingang, den zwanzig Männer nicht bewegen könnten.
  3. Die Falle. Odysseus begreift: Den Riesen im Schlaf zu töten hilft nicht. Dann sitzen sie in einer verschlossenen Höhle mit einer Leiche.
  4. Der Name. Auf die Frage, wie er heiße, antwortet er: „Niemand."
  5. Der Wein. Er gibt dem Riesen unverdünnten Wein, bis der einschläft.
  6. Der Pfahl. Der im Feuer gehärtete Ölbaumstamm, das eine Auge, das Gebrüll — und die anderen Zyklopen, die abziehen, weil „niemand" ihm etwas tut.
  7. Die Schafe. Am Morgen tastet der blinde Polyphem die Rücken ab. Die Männer hängen unter den Bäuchen.

Der Wein in Schritt fünf wird beim Erzählen für kleine Kinder meist weggelassen oder zu „etwas sehr Starkem zu trinken" — die Geschichte funktioniert ohne dieses Detail genauso.

Was Kinder fast immer fragen

„Warum sind sie überhaupt reingegangen?" Weil sie neugierig waren und Hunger hatten. Es gibt keine bessere Antwort, und das ist der Punkt: Der ganze Ärger beginnt mit einer Entscheidung, die niemand gezwungen hat.

„Warum hat er den Riesen nicht einfach umgebracht?" Weil nur Polyphem den Felsen wegrollen kann. Das ist die eleganteste Randbedingung der Geschichte und der Grund, warum ein Trick nötig wird statt eines Kampfes.

„Woher wusste er, dass die anderen Zyklopen kommen?" Wusste er nicht. Der Name war eine Vorsichtsmaßnahme ohne konkreten Plan — er hat sich eine Option offengehalten, die sich später als entscheidend erwies. Auch das ist eine Lektion.

Warum der Trick heute noch funktioniert

Fast dreitausend Jahre später ist die Pointe unverändert wirksam, und das ist bemerkenswert. Die meisten Witze überleben nicht einmal ein Jahrhundert.

Der Grund: Der Trick nutzt keine Sitte, keine Technik und kein Wissen, das veralten könnte. Er nutzt eine Eigenschaft der Sprache selbst — dass „niemand" gleichzeitig ein Name und eine Verneinung sein kann. Solange Menschen sprechen, funktioniert er.

Deshalb lachen Kinder heute an derselben Stelle wie griechische Kinder vor dreitausend Jahren, ohne dass man ihnen irgendetwas erklären müsste. Man merkt das daran, dass sie die Pointe oft schon eine Sekunde vor Polyphem selbst begreifen — und genau dieses Vorauswissen ist das Vergnügen.

Was Kinder aus der Szene mitnehmen

Es geht nicht ums Lügen, obwohl Odysseus eindeutig lügt. Es geht um etwas Spezifischeres: die Annahme finden, die der andere nicht prüft.

Polyphem prüft nicht, ob „Niemand" ein echter Name ist, weil er keinen Grund dafür sieht. Später prüft er die Rücken seiner Schafe, aber nicht deren Bäuche — wieder eine Annahme, die er nicht hinterfragt. Zweimal derselbe Fehler, zweimal derselbe Ausweg.

Das ist eine Denkfigur, die Kindern in der Schule und im Alltag ständig begegnet, ohne dass jemand ihr einen Namen gibt. Die Geschichte gibt ihr einen.

Was in unserer Fassung anders ist als im Original

Homers neunter Gesang ist deutlich brutaler, als man einem Sechsjährigen zumuten würde. Polyphem frisst mehrere Männer, und zwar ausführlich beschrieben. Die Blendung wird detailliert geschildert, bis hin zu den Geräuschen.

In unserer Fassung bleibt beides angedeutet statt ausgemalt. Was nicht verändert wurde: Es sterben Männer, der Riese wird geblendet, und der Fluch am Ende steht. Ohne diese drei Dinge wäre nichts mehr übrig, was die Geschichte trägt.

Ab etwa elf oder zwölf Jahren lohnt sich das Original — und Kinder, die die Handlung schon kennen, lesen es mit ganz anderem Gewinn, weil sie sehen, was weggelassen wurde und warum.

Weiterlesen: Die Odyssee für Kinder im Überblick · Wer war Odysseus? · Was ist ein Zyklop?

Die vollständige Geschichte zum Anhören: Odysseus und der Zyklop.