Wer war Odysseus? Ein Guide für Familien
In der griechischen Mythologie gibt es zwei Sorten von Helden. Die einen sind stark — Herkules erwürgt Löwen, Achilles ist im Kampf unbesiegbar. Und dann gibt es Odysseus.
Odysseus ist der erste Held der Weltliteratur, dessen Waffe der Kopf ist. Das macht ihn für Kinder zu einer ganz anderen Figur als die Muskelhelden — und ehrlich gesagt zu einer nützlicheren.
Wer er war
Odysseus war König von Ithaka, einer kleinen, felsigen Insel im Westen Griechenlands. Kein Großreich, keine goldene Stadt: ein überschaubares Königreich, in dem er mit seiner Frau Penelope und dem neugeborenen Sohn Telemachos lebte.
Dann kam der Krieg um Troja, und er musste mit. Der Legende nach wollte er nicht — er versuchte sogar, sich mit gespieltem Wahnsinn zu drücken, was auffliegt, als jemand seinen Säugling vor den Pflug legt und er ausweicht. Die Geschichte hat einen Zug ins Menschliche, der bei den anderen Helden fehlt.
Er zog in den Krieg, blieb zehn Jahre, und brauchte für den Rückweg noch einmal zehn.
Was ihn ausmacht: die Idee statt die Faust
In jeder wichtigen Szene löst Odysseus das Problem mit einem Einfall.
Bei Troja stehen die Griechen zehn Jahre lang vor Mauern, die sie nicht durchbrechen können. Odysseus schlägt ein hölzernes Pferd vor, in dem Soldaten sitzen — die Stadt zieht ihre eigene Niederlage selbst herein. Das Trojanische Pferd ist die berühmteste Kriegslist überhaupt.
In der Höhle des Zyklopen gibt es keinen Ausweg, weil nur der Riese den Felsen wegrollen kann. Odysseus nennt sich „Niemand", blendet ihn und lässt seine Männer unter Schafsbäuchen hinaus. Die Geschichte von Odysseus und dem Zyklopen ist im Grunde ein Rätsel mit Lösung.
Bei den Sirenen will er den Gesang hören, der jeden umbringt, der ihn hört — also lässt er sich an den Mast binden und stopft seinen Männern die Ohren zu. Auch das ist keine Heldentat, sondern eine Konstruktion.
Seine Fehler, und warum sie wichtig sind
Was Odysseus als Figur für Kinder so wertvoll macht, ist nicht seine Klugheit. Es ist, dass er sie regelmäßig selbst zunichtemacht.
Der größte Moment steht am Ende der Zyklopen-Episode. Er ist entkommen, alle sind in Sicherheit, das Schiff ist auf See — und dann ruft er dem geblendeten Riesen seinen echten Namen zu, weil er will, dass der weiß, wer ihn besiegt hat. Polyphem ist ein Sohn Poseidons. Von diesem Satz an verfolgt ihn der Meeresgott zehn Jahre lang.
Die Geschichte könnte kaum deutlicher sein: Der Kopf hat ihn gerettet, der Stolz hat ihn bestraft, und zwar in derselben Szene.
Beim Beutel der Winde passiert etwas Verwandtes von der anderen Seite. Odysseus erklärt seinen Männern nicht, was im Sack ist. Sie halten ihn für einen Schatz, den er ihnen vorenthält, öffnen ihn — und der Sturm bläst sie von Ithaka weg, das sie schon sehen konnten. Ein Geheimnis, das keins hätte sein müssen.
Was man daraus mit Kindern machen kann
Odysseus eignet sich hervorragend für Gespräche, weil er nie einfach „gut" ist.
- „War es schlau oder gemein, sich Niemand zu nennen?" — Kinder finden es fast immer schlau, und das führt direkt zu der Frage, wann Täuschung in Ordnung ist.
- „Warum hat er seinen Namen gerufen, obwohl er schon in Sicherheit war?" — die beste Frage der ganzen Sammlung.
- „Was hätte er den Männern über den Beutel sagen sollen?" — funktioniert erstaunlich gut bei Geschwisterstreit.
Ab welchem Alter
Unsere Fassungen zielen auf 6 bis 8 Jahre. Odysseus braucht mehr Sprachverständnis als andere Helden, weil seine Siege in Wortspielen und Konstruktionen bestehen — ein Vierjähriger folgt der Handlung, aber die Pointe verpufft.
Nach oben hin ist die Figur praktisch unbegrenzt. Elfjährige nehmen aus derselben Geschichte den Stolz-Aspekt mit, den sie mit sieben komplett überhört haben.
Wo Odysseus später wieder auftaucht
Praktisch überall. Der Ausdruck „Odyssee" für eine lange, mühsame Reise kommt direkt von ihm. „Zwischen Skylla und Charybdis" stammt aus seiner Fahrt. Das „trojanische Pferd" ist heute ein Begriff aus der Computersicherheit — ein Programm, das man freiwillig hereinlässt.
Ein Kind, das die Geschichten kennt, versteht diese Ausdrücke später nicht als Vokabeln, sondern als Erinnerungen. Das ist ein größerer Vorsprung, als es klingt.
Womit man anfängt
Nicht mit dem Kriegsanfang, sondern mit dem stärksten Stück: Odysseus und der Zyklop. Danach Das Trojanische Pferd, dann Der Beutel der Winde.
Alle drei stehen in der Mythologie-Sammlung, jede mit vollständiger Vertonung.
Fünf Fragen, die Kinder zu Odysseus stellen
„War Odysseus ein guter Mensch?" Keine klare Antwort, und das ist der Reiz. Er ist treu zu seiner Familie und rücksichtslos gegenüber Fremden. Er rettet seine Männer mehrfach und bringt sie am Ende alle um. Die Geschichte urteilt nicht für uns.
„Hat es ihn wirklich gegeben?" Vermutlich nicht als einzelne Person. Ob hinter dem Trojanischen Krieg ein realer Konflikt steckt, wird seit über hundert Jahren diskutiert — die Stadt Troja selbst wurde tatsächlich ausgegraben. Der ehrlichste Satz ist: „Den Ort gab es. Den Mann wahrscheinlich nicht."
„Warum helfen die Götter ihm nicht einfach?" Weil sie sich untereinander streiten. Athene ist auf seiner Seite, Poseidon gegen ihn, und Zeus versucht zu vermitteln. Die Götter sind keine gute Macht, sondern eine zerstrittene Familie mit zu viel Einfluss.
„Wie kann jemand zwanzig Jahre weg sein?" Das ist die Frage, die am meisten über das Kind verrät, das sie stellt. Es lohnt sich, sie ernst zu nehmen und zurückzugeben: „Was glaubst du, wie das für Telemachos war?"
„Kommt er wirklich an?" Ja. Und das ist bemerkenswert für eine griechische Geschichte, weil so viele andere schlecht enden. Die Odyssee ist eine der wenigen mit einem Zuhause am Ende.
Wo der Name herkommt
„Odysseus" ist im Griechischen mit einem Verb verwandt, das ungefähr „zürnen" oder „Groll hegen" bedeutet — der Name lässt sich lesen als „der, dem gezürnt wird" oder „der, der Groll erregt".
Das passt bemerkenswert genau zu seinem Schicksal: Ein Gott hegt zwanzig Jahre lang Groll gegen ihn. Ob die alten Erzähler das so gemeint haben oder ob die Deutung erst nachträglich in die Geschichte gelesen wurde, ist unter Fachleuten umstritten — als Detail beim Erzählen ist es trotzdem stark.
Kinder ab acht finden es faszinierend, dass ein Name eine Vorhersage sein kann. Und es öffnet die Frage, ob Odysseus eine Wahl hatte oder nicht — die älteste Frage der griechischen Tragödie, in einem Satz zugänglich gemacht.
Der römische Name
Wer nach Odysseus sucht, stößt oft auf „Ulysses" oder „Ulixes". Das ist derselbe Mann: die Römer haben den griechischen Namen umgeformt, so wie sie es mit den Göttern taten.
Praktisch heißt das, dass ein Kind demselben Helden unter zwei Namen begegnen kann — in Büchern, Filmen und im Museum. Der Satz „Ulysses ist Odysseus auf Römisch" erspart später Verwirrung und kostet drei Sekunden.
Zum Weiterhören
Nach den drei Odysseus-Geschichten ist der natürliche nächste Schritt Achilles, weil beide im selben Krieg kämpfen und weil der Kontrast so scharf ist: der Stärkste gegen den Klügsten, und der Stärkste stirbt zuerst.
Wer lieber beim Trickmuster bleiben will, findet es in Medusa und Perseus wieder — dort ist der Spiegelschild das, was bei Odysseus der Name war.
Die drei Eigenschaften, die ihn ausmachen
Er denkt in Konstruktionen. Odysseus löst kein Problem frontal. Er baut etwas — ein Pferd, einen Namen, eine Fesselung am Mast —, das den Gegner mit seinen eigenen Erwartungen schlägt. In jeder einzelnen Episode ist die Lösung ein Gegenstand oder ein Wort, nie ein Schlag.
Er ist geduldig, außer im falschen Moment. Zwanzig Jahre unterwegs, sieben davon bei Kalypso, drei Jahre lang von Penelope zu Hause hingehalten — Geduld ist in dieser Familie reichlich vorhanden. Und trotzdem kann er dreißig Sekunden nicht warten, bevor er dem Zyklopen seinen Namen zuruft.
Er kommt allein zurück. Das wird beim Erzählen fast immer unterschlagen: Von zwölf Schiffen und Hunderten von Männern überlebt niemand außer ihm. Die Odyssee ist auch die Geschichte eines Anführers, der alle verliert, die ihm gefolgt sind.
Wie man ihn einem Kind beschreibt
Die Kurzfassung, die funktioniert: „Es gab Helden, die stärker waren als alle anderen. Odysseus war nicht stark. Er war der, der sich immer etwas ausgedacht hat. Deshalb hat er gewonnen — und deshalb ist er auch fast immer selbst schuld, wenn etwas schiefgeht."
Der zweite Satz ist der wichtige. Ein Held, der auch verantwortlich ist, ist für Kinder greifbarer als einer, dem Dinge zustoßen.
Warum er heute wieder überall auftaucht
Die Odyssee ist einer der meistverfilmten und meistadaptierten Stoffe überhaupt, und in regelmäßigen Abständen kehrt sie ins Kino und in Serien zurück. Für Familien heißt das: Kinder begegnen dem Namen ohnehin, meist über Plakate, Trailer oder ältere Geschwister.
Wer die Geschichte vorher kennt, geht mit einer ganz anderen Neugier hinein — und die Erwachsenenfassung wird für ihn zur Wiederbegegnung statt zu einem verwirrenden Namensgewitter.
Odysseus und Penelope: die andere Hälfte
Über Odysseus wird viel erzählt, über seine Frau fast nichts — dabei ist Penelope in der Odyssee mindestens so raffiniert wie er.
Während er zwanzig Jahre weg ist, sitzen Dutzende Männer in ihrem Haus, essen ihre Vorräte auf und wollen, dass sie einen von ihnen heiratet. Sie kann sie nicht hinauswerfen. Also sagt sie, sie werde sich entscheiden, sobald sie ein bestimmtes Tuch fertig gewebt habe — und trennt jede Nacht auf, was sie tagsüber gewebt hat.
Drei Jahre lang funktioniert das. Es ist derselbe Geistestyp wie beim „Niemand"-Trick: kein Kampf, sondern eine Konstruktion, die den Gegner mit seinen eigenen Erwartungen aufhält.
Für Kinder ist das eine gute Ergänzung, weil sonst leicht der Eindruck entsteht, kluge Lösungen seien Männersache. In dieser Geschichte sind sie es ausdrücklich nicht.
Warum er zwanzig Jahre gebraucht hat
Eine Frage, die Kinder fast immer stellen, und die eine sehr befriedigende Antwort hat.
Zehn Jahre Krieg lassen sich nicht abkürzen. Aber die zehn Jahre Heimreise wären nicht nötig gewesen: Poseidon verfolgt ihn, weil er dessen Sohn Polyphem geblendet — und vor allem, weil er ihm anschließend seinen Namen genannt hat.
Ohne diesen einen Satz vom Schiff aus wäre die Rückfahrt eine Frage von Wochen gewesen. Die gesamte zweite Hälfte des Epos ist die Rechnung für einen Moment Angeberei.
Wenn Kinder das begreifen, sitzt es. Es ist die konkreteste Darstellung von Konsequenz, die die Mythologie zu bieten hat.
Weiterlesen: Der „Niemand"-Trick erklärt · Die Odyssee im Überblick · Die größten griechischen Helden
Zum Anhören: die Mythologie-Sammlung.